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Olaf Groß

Kommentar: Wie Shopwings, Uber & Co. den Sozialpakt aufkündigen

Olaf Groß | 8.08.2015 | Marketing

on-demand economyEin Gespenst geht um in der Welt: Die On-Demand-Economy. Über Dienste wie Shopwings hat diese Entwicklung bereits Einzug in den E-Commerce in Deutschland gehalten. Am Ende steht die Entkernung der Unternehmen vom Menschen. Wollen Sie diese Zukunft?

On-Demand-Economy ist ein Kind des digitalisierten Jahrtausends und beschreibt eine fast revolutionäre Neuorganisation von Arbeit. In der Old Economy stellen Unternehmen Mitarbeiter fest ein. Der Arbeitnehmer hat Anspruch auf Krankenversicherung, Altersvorsorge und sein Lohn ist vielleicht sogar an einen Tarif gebunden oder zumindest daran angelehnt.

Die On-Demand-Economy funktioniert anders. Über eine App oder eine Webseite werden Arbeitnehmer und Unternehmer bei Bedarf zusammengebracht. Arbeitsschutz, Krankenversicherung oder Urlaubsanspruch gibt es dabei natürlich nicht, denn der Arbeitnehmer ist Freiberufler. In einem lesenswerten Beitrag des Manager Magazins wird das System der On-Demand-Economy auf den Punkt gebracht:

„Mit Apps ausgestattet, werden die Arbeitnehmer in digitale Leistungsbienen verwandelt, deren Arbeitsschritte sich live überwachen und für alle öffentlich sichtbar bewerten lassen: fünf Sterne für Pünktlichkeit, aber nur zwei für Qualität, leider kein Folgeauftrag für dich.“

Nur Deppen schleppen

Wie On-Demand-Economy in der Praxis aussieht, lässt sich gut am Geschäftsmodell von Shopwings aufzeigen: Klickt der Kunde auf den Kaufen-Button, leitet das Unternehmen die Bestellung via App an einen Beschäftigten weiter. Dieser kauft die Waren ein und liefert sie anschließend beim Kunden aus.

Allerdings stelle Shopwings dazu keine Mitarbeiter ein, sondern vermittle die Einkaufs- und Auslieferjobs an Selbstständige, wie Rentner, Studenten oder ehemalige Arbeitslose. Die Kosten für Sprit, Versicherung sowie das Smartphone und die notwendige Daten-Flatrate trägt der Einkäufer ebenso, wie das Risiko sich beim Einkauf oder der Auslieferung zu verletzen, berichtet das Manager Magazin.

Ein Heer von Arbeitsnomaden

Schon heute nimmt in den USA die Anzahl derjenigen, die sich ihren Lebensunterhalt in der On-Demand-Economy verdienen immer mehr zu. 2014 investierten amerikanische Wagniskapitalgeber mehr als vier Milliarden US-Dollar in Start-ups, die auf dem Modell der On-Demand-Economy basieren.

Dabei erstreckt die die digitale Selbstständigkeit mitnichten nur auf Jobs im Niedriglohnbereich. Auch Anwälte, Programmierer oder Berater stehen ohne Festanstellung App bei Fuß, um den nächsten Auftrag abgreifen zu können. Tendenz steigend.

Denkt man diese Entwicklung weiter, so könnte sich für den Online-Handel folgendes Szenario ergeben: Tausende freiberufliche Picker und Packer ziehen durch die Logistikzentren Deutschlands und verdingen sich als digitale Tagelöhner immer dort, wo gerade Bedarf besteht. Gesteuert, überwacht und bewertet mittels einer App.

Oder warum sollten Online-Händler künftig noch Marketing- und SEO-Mitarbeiter beschäftigen? Schon heute sind digitale Vermittlungs-Plattformen für technische und gestalterische Dienstleistungen Gang und Gäbe.

Wir freuen uns auf eine angeregt Diskussion hier bei uns im Blog. Ihre Sicht der Dinge ist uns wichtig. Einfach die Kommentarfunktion unter diesem Artikel nutzen.

10 Reaktionen zu “Kommentar: Wie Shopwings, Uber & Co. den Sozialpakt aufkündigen”

  1. Christian Rothe

    Ist zu Ihnen schon durchgedrungen, dass Shopwings den Geschäftsbetrieb in Deutschland aufgegeben hat?
    Siehe: http://www.gruenderszene.de/allgemein/shopwings-deutschland-stopp

  2. Olaf Groß

    @Christian Rothe Um mit Ihren Worten zu sprechen: „Ist zu Ihnen schon durchgedrungen, dass auch im shopbetreiber-blog über die Einstellung des Deutschlandgeschäfts von Shopwings berichtet wurde?“ Siehe: http://www.shopbetreiber-blog.de/2015/07/16/shopwings-bekommt-die-fluegel-gestutzt/
    Aber was hat das mit dem Thema On-Demand-Economy zu tun? Shopwings hat nicht das Geschäftsmodell aufgegeben, sondern lediglich seine Aktivitäten in Deutschland.

  3. Alex

    Vielen Dank für den guten Beitrag. Ich beobachte auch schon mit viel Mißmut diese „neuen Geschäftsmodelle“, die im Prinzip daraus bestehen, die normale Produktionskette (von Dienstleistungen) möglichst weit aufzugliedern, den einzelnen selbstständigen Kettengliedern das unternehmerische Risiko aufzubürden und sich auf die Koordination der Kettenglieder gegen hohe Provisionen zu beschränken. Gerade ein großer deutsche VC (Rocket) ist ganz groß darin, diese Geschäftsmodelle in alle möglichen Bereiche zu bringen (natürlich ohne selbst die Modelle zu entwickeln, sondern diese auch noch 1:1 zu kopieren). Da finde ich es schon sehr gut, dass Uber es in D noch nicht geschafft hat auch andere Geschäftmodelle (Shopwings, Helpling etc.) hoffentlich schnell wieder verschwinden. Hier würde ich mir etwas mehr Aufklärung von Seiten der Presse wünschen, was solche Geschäftsmodelle für die gesamte Gesellschaft bedeuten.

  4. Alex

    @Christian: Ja, habe ich mit Freude gelesen. Allerdings wird das Geschäftsmodell ja noch in anderen Ländern verfolgt, was ich auch nicht begrüße.

  5. Christian Rothe

    @Oliver Groß: Dass Shopwings in Deutschlan aufgibt, könnte bedeuten, dass bei uns wenig Demand für On-Demand-Leistungen ist.

    Außerdem finde ich die Konotation des Artikels „On-Demand = Das Böse. Wollen Sie diese Zukunft?“ reichlich „deutsch“. Der abhängig Beschäftigte mit festem Arbeitsvertrag, geregelter Arbeitszeit, Krankenversicherung und 30 Tagen Urlaubsanspruch wird als das Ideal präsentiert. Dabei handelt es sich dabei um die Arbeitsorganisation des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als die Arbeit in Fabriken zu organisieren war. Warum eigentlich soll es ein Ideal sein, jeden Tag zur Arbeit gehen zu müssen? Womöglich noch im Drei-Schicht-Betrieb mit wöchentlich wechselnden Arbeitszeiten?

    Der Artikel vermittelt die Denke, die in unserem Land so häufig ist: Sicherheit ist wichtiger als persönliche Freiheit. Deshalb haben wir auch zu wenige Unternehmer in unserem Land. Die Deutschen haben sich abgewöhnt, etwas zu wagen. Statt auf die Chancen zu schauen, fokussieren wir nur zu gerne auf die Risiken – und scheuen diese Risiken. Ein höherer Prozentsatz der jungen Deutschen träumt von einem Job beim Staat als von einem Job als Selbstständiger. Nur jeder dritte Deutsche zwischen 14 und 34 Jahren ist bereit, sich mit einem eigenen Betrieb selbstständig zu machen. Im EU-Durchschnitt sind es fast die Hälfte der jungen Menschen. (siehe: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/kein-gruenderland-junge-deutsche-fuerchten-sich-vor-selbststaendigkeit/10992106.html )

    Leben in Deutschland ist eine Form von betreutem Wohnen: Staat und Gesetze sollen für eine Rundum-Risiko-Vorsorge sorgen. Bloß nicht selbst die Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen. Im Gegensatz dazu könnte man die Sache mit der On-Demand-Economy auch ganz anders betrachten: Mit On-Demand-Modellen bekommt der Mensch endlich wieder die Freiheit, das zu arbeiten, was er will. Und so viel, wie er will. Dies gilt für Hochqualifizierte wie Programmierer, Juristen, Redakteure und auch für Niedrigqualifizierte. Gerade bei letzteren hat das Arbeitsrecht in Deutschland so hohe Hürden aufgebaut, dass sie aktuell lieber gar nicht erst eingestellt werden. Aus Angst einen schwachen Mitarbeiter nicht wieder loswerden zu können, verzichten die Unternehmen lieber darauf, einen gering qualifizierten Mitarbeiter an Bord zu nehmen. Bei On-Demand-Modellen sind die Einstiegshürden für Geringqualifizierte geringer.

    Im Übrigen vermittelt ein fester Arbeitsvertrag bei einem großen Unternehmen nur eine Scheinsicherheit. Die Mitarbeiter von Nokia und Opel in Bochum und von Karstadt, Quelle und Neckermann können ein Liedchen davon singen. In Nullkommanichts war dort der vermeintlich sichere Arbeitsplatz weg. Ich denke, dass auch jeder Angestellte heute gut beraten ist, sich stets als Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft zu betrachten: „Was kann ich? Welche Firmen können meine Fähigkeiten gebrauchen? Wie muss ich mich weiterentwickeln, damit ich auch in Zukunft für potenzielle Arbeitgeber interessant bin?“ Mit gutem Grund steckt das Wörtchen MARKT im Begriff Arbeitsmarkt. Auch als Angestellter sollte man sein Angebot kontinuierlich an das anpassen, was von den Unternehmen an Arbeitsleistungen nachgefragt wird. Im Artikel heißt es: „Am Ende steht die Entkernung der Unternehmen vom Menschen.“ Dies habe ich schon mal gelesen. Nämlich in den 80er Jahren, als es um zunehmenden Robotereinsatz und Computer Aided Manufacturing in den Fabriken ging. Da dachte man, dass die Roboter die menschliche Arbeit überflüssig machen und für Massenentlassungen sorgen werden. Heute wissen wir, dass es ganz anders gekommen ist.

    Im Übrigen bringt die On-Demand-Economy auch Herausforderungen für Unternehmen: Wenn es für gute Leute quasi Arbeitsmöglichkeiten an jeder Ecke gibt, muss ein Unternehmen seinen Mitarbeiterstamm hegen und pflegen. Ein Mitarbeiter ist eben kein austauschbares Zahnrädchen in einem Getriebe. Damit jemand produktiv arbeiten kann, braucht er Kenntnisse über die Abläufe und Zusammenhänge in einer Firma. Dazu ist eine gewisse Einlernphase nötig. Ich kann mir keine Firma vorstellen, die wöchentlich mit neuen Mitarbeitern quasi wieder beim Kenntnisstand Null beginnen will. Das Kapital einer Firma sitzt heute in den Köpfen der Mitarbeiter. Die Möglichkeiten, die die On-Demand-Economy den Mitarbeitern eröffnet, lässt dieses Kapital immer flüchtiger werden. Die Firmen müssen sich schon etwas einfallen lassen, damit dieses Kapital, das abends nach Hause geht, am nächsten Tag wieder zur Arbeit kommt.

  6. Lara

    Hallo, nun wird man weiter empfohlen auf : https://www.bonativo.de ist auch ein Rocketunternehmen.Als ich vor 3 Monaten noch in München unterwegs war, lag auf dem Gehweg noch ein Shoppings Flyer…hihi so schnell kann es gehen, aber wenn es nicht wichtig läuft ist das wohl die beste Lösung.Oliver Samwer sagt ja immer das Internetgeschäft ist die Formel 1 🙂

  7. Olaf Groß

    @Lara Ich finde es eigentlich schade, dass einige wenige das Aus für Shopwings in Deutschland mal heimlich, mal offen mit Schadenfreude quittieren, nur weil es ein Rocket-Unternehmen ist. Immerhin sind es Unternehmen und Investoren wie Shopwings und Rocket, die durch eigenes unternehmerisches Risiko ausloten, welche neuen Handelsmodelle funktionieren oder eben nicht.

  8. Christian Rothe

    @Olaf Groß: Sie schreiben: „Unternehmen und Investoren wie Shopwings und Rocket loten aus, welche neue Handelsmodelle funktionieren oder eben nicht“. Dazu die Anmerkung, dass Rocket mit seinen eigenen Auslotungsarbeiten erst beginnt, nachdem andere Firmen in USA das Geschäftsmodell der Firmen schon längst erfolgreich ausgelotet und auf die Beine gestellt haben. Rocket spielt seit Jahren bevorzugt das „Game of Clones“: Shopwings war / ist eine Kopie von Instacart (http://www.instacart.com/) , Bonativo eine Kopie von Good Eggs (http://www.goodeggs.com). Die Liste „Rocket Kopie vs. Original“ ließe sich noch länger fortsetzen.

  9. Olaf Groß

    @Christian Rothe Natürlich muss auch ein Unternehmen wie Rocket testen, welche Geschäftsmodelle – seien sie nun kreativ imitiert oder originär aus der Rocket-Werkstatt – funktionieren und welche nicht. Dass Rocket sich Inspirationen auf anderen Märkten holt, ist weder neu noch besonders aufregend. In einem Wirtschaftssystem der freien Kräfte von Original und Kopie zu sprechen, ist doch ein Widerspruch in sich. Auf Geschäftsmodelle gibt es nunmal kein Copyright. Und weil sich die westliche Gesellschaft für dieses Wirtschaftssystem entschieden hat, müssen wir mit den Spielregeln leben – oder das System ändern.

  10. Harry Fischer

    @Christian Rothe Von wegen Leben in Deutschland = betreutes Wohnen. Mir fällt auf, dass immer mehr Unternehmen nach Modellen suchen, ihr personal auszulagern, der Arbeitnehmer-Rechte zu berauben und den Preis für die ware Arbeitskraft zu drücken. Selbst erlebet als Journalist bei Bauer-Verlag.
    Aktuell Lufthansa, DHL (und andere Paketdienste). Fast immer werden Scheinselbständigkeiten geschaffen, die die arbeitenden Menschen an den Rand des Existenzminimums bringen, aber bei den Unternehmen die Kassen klingeln lassen. Dieses System hat sich vielleicht die FDP ausgesucht, aber ich nicht. Weg damit.

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